Das graue Haar

„Ich glaube, du wirst langsam alt!“, sagte sie zu mir. „Woran merkst du das?“ Ich war auf einiges gefasst.
„Deine Schläfen werden grau.“ – „Ich weiß, vielleicht sollte ich mir die Haare färben lassen“, antwortete ich.
„Tu das bloß nicht! Das Grau macht dich richtig interessant. Und außerdem kannst du dein Alter überhaupt nicht verstecken.“

Dieser Satz morgens beim Frühstück von meiner Frau so dahingeworfen, begleitete mich den ganzen Tag. Ja, es stimmt, ich werde langsam alt. An vielen Kleinigkeiten merke ich es: Das Gedächtnis hat manchmal ein Loch; mein Bedürfnis nach Sicherheit ist größer; ich denke öfters über meine Jugend nach; ich brauche längere Erholungspausen; manches interessiert mich nicht mehr ….

Aber ist das eigentlich schlimm? So ist es eben: Der Mensch wird – biologisch gesehen – weniger, wenn er alt wird. Aber seelisch wächst er und wird reicher und reifer.

Ich empfand es nicht als Katastrophe, als ich mein erstes weißes Haar im Spiegel entdeckte. Denn in der Bibel steht: „Sorge dich nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“ (Matth 6,34).
Darauf kommt es also an: Ich lebe heute.
Dankbar für alles Erlebte und Erfahrene. Ohne dass ich das Vergangene vergolden müsste. Heute koste ich meine Möglichkeiten aus, ohne meine Grenzen zu beschönigen oder zu verschweigen.

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Augenfreundliche Reihe 159

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