Dechant Klaus Leist: Predigt zu einem Sterbeamt

Auferstehung – Zukunftsperspektive in Gottes Nähe

 Vorbemerkung: Ein lediger junger Mann im Alter von 35 Jahren ist nach langem Leidenslager an einer Viruserkrankung verstorben.

Wir sind heute Nachmittag in eine Stunde hineingerufen, die man sich nicht wünscht, aber der wir uns angesichts des jungen Todes von N: stellen müssen. Es ist eine Stunde des bitteren und endgültigen Abschieds aus dieser Welt. Abschiednehmen, einander nicht mehr sehen, voneinander gehen, das tut ungemein weh, das lässt uns tiefen Kummer und tiefen Schmerz empfinden. Abschied nehmen im Angesicht des Todes, das hinterlässt Wunden, Angst, Trauer und Tränen.

Ihr, liebe trauernden Familienangehörigen, Ihr steht aber in der schwersten Stunde eures Lebens nicht alleine hier. Wir alle, die wir heute hier bei euch sind, wir wollen euch nicht alleine lassen, sprachlos und still wollen wir euch begleiten und mit euch für Euren Sohn und Deinen Bruder, Schwager, Enkelkind und Neffen beten. Und mehr noch: wir stehen nicht in einem luftleeren Raum irgendwo, sondern hier in unserer Kirche, vor dem Altar und dem Angesicht des lebendigen Gottes. Und gerade ER, Gott -der Herr des Lebens und des Todes- spricht euch in dieser Stunde an.

Meine eigenen, meine persönlichen Worte reichen in dieser Stunde nicht mehr aus, um euch die Zuwendung und den Trost zuzusprechen, der euch, die Familie, in den kommenden Wochen und Monaten tragen kann und soll. Ich selber müsste angesichts meiner eigenen Betroffenheit über N: Sterben und seinen Tod schweigen, hätte ich nicht in dieser Stunde die Botschaft dessen zu verkünden, der alleine die Macht und das Vermögen hat, die Menschenherzen anzurühren und zu trösten.

Das blühende und junge Leben von N: ist durch seine heimtückische Krankheit jäh beendet worden. Und es ist für uns alle unverständlich, warum ausgerechnet er, warum ein solcher Schicksalsschlag und ein solches Leid für Eure Familie? Viele Fragen, ja menschliche Aufschreie, Verzweiflung und Hoffnung, Niedergeschlagenheit und Ohnmacht haben sich in den letzten Wochen und Monaten in Eurem Leben die Türe in die Hand gegeben. Es bleiben Augenblicke und Fragen, an denen wir unsere menschlichen Grenzen kennenlernen und erfahren.

Wir alle, die wir euren N: gekannt haben, werden ihn in Erinnerung behalten als einen lebensfrohen, freundlichen, zuverlässigen und guten jungen Mann. Er wusste sein Leben zu gestalten, konnte seine Lebenspläne in die Tat umsetzen und hatte sein Leben, soweit es Menschen möglich ist, in der Hand. Die große Zahl derer, die ihm Lebensbegleiter waren und die in dieser Stunde hier sind, zeigen, wie reich er an menschlicher Freundschaften und wie beliebt und geschätzt er war.

Einen geliebten Menschen zu verlieren und ihn hergeben zu müssen, das ist wohl eine der härtesten Lebenserfahrungen, der wir uns ungewollt stellen müssen.

In den Erzählungen der Chassidim, den jüdischen Weisheitserzählungen, ist folgende Geschichte überliefert:

"Ein Rabbi ging zum Gebet. Währenddessen starb einer seiner Söhne, und seine Frau hatte nun die schwere Aufgabe, ihm bei der Rückkehr diese traurige Botschaft zu übermitteln. Sie fragte ihn: 'Du, wie ist das, wenn uns jemand eine kostbare Perle leiht, dürfen wir die behalten?' Er sagt ganz spontan: 'Ja, wo denkst du hin, liebe Frau, nie und nimmer, die musst du selbstverständlich wieder zurückgeben!' Sie nimmt ihn schweigend an der Hand und führt ihn ins Zimmer des Sohnes. Der Rabbi schreit vor Schmerz auf, als er seinen Sohn tot da liegen sieht, und schaut seine Frau an: 'Jetzt habe ich verstanden.' - er hält ein wenig inne und zitiert dann die Worte aus dem Buch Ijob: 'Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, gepriesen sei der Name des Herrn!'"

N: war euch als euer Sohn und als Dein Bruder geschenkt und hat Euer Ehe- und Familienleben als kostbare Perle, als ein wertvoller Edelstein, bereichert. Und jetzt zu akzeptieren, dass er euch genommen ist, das ist menschlich eine Zumutung und nur im Glauben an Gott und an ein Leben bei Gott zu verstehen. Wie der alttestamentliche Ijob mit Gott gerungen hat, werdet Ihr Zeit und Kraft brauchen, diesen Willen Gottes anzunehmen.

Und so mag die Botschaft des Apostel Paulus in der Lesung (1 Thess 4,13-18), die wir gleich hören werden, diese Hoffnung aufstrahlen lassen: Gott hat das letzte Wort, worauf wir uns verlassen können, auch wenn es zu glauben schwerfällt. Christlicher Glaube ist eine Herausforderung und spricht unser Innerstes an, er ist in unseren menschlichen Herzen angelegt und will Antwort suchen und geben auf Gottes Willen und auf seinen Weg, den er mit uns gehen will: in Leid und in Freude. Unser menschliches Lebensziel ist das neue, ewige und endgültige Leben bei Gott. Die Auferstehung Jesu und Ostern haben uns eine Zukunftsperspektive gegeben, dass unser Leben im Tod nicht scheitert, sondern in Gottes Nähe neu aufblühen kann. Ebenso spricht das Evangelium (Lk 24,1-8) in eure Ratlosigkeit und Trauer jene kraft- und hoffnungsvollen Worte, dass wir das Leben nicht im Tod suchen sollen, sondern im österlichen Glauben, den Menschen seit 2000 Jahren leben und bezeugen. Dieser österliche Glaube wendet sich gegen allen Pessimismus, gegen alle Hoffnungslosigkeit und vermag aus dem Abgrund und dem Dunkel menschlichen Scheiterns hinauszuführen in das Licht und in die Sonne des Lebens. Seit Ostern dürfen wir Menschen neu aufatmen und wieder an das Leben glauben, das Jesus uns selber in Fülle, das heisst in Freude und Glück verheißen hat.

Wenn die kommende Zeit für Euch auch schwer sein wird, dann dürft Ihr Euch wie die Apostel an diese Worte Jesu erinnern und Euch mit diesen Worten selbst trösten und trösten lassen. Denn seine Worte gelten jetzt Euch: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er gestorben ist."

Beten wir jetzt miteinander um Gottes liebendes Erbarmen für N:, beten wir aber auch um den Beistand und die Nähe Gottes, die um ihn trauern.