Dechant Klaus Leist: Predigt zu einer Trauung

 Was zählt und überlebt ist die Liebe

 Ein einmaliger und unwiederholbarer Weg

Sie beide haben sich heute mit Ihren Eltern, Ihren Geschwistern und mit Ihrer Familie, Ihren Freunden, hierher auf den Weg gemacht. Es ist ein besonderer Weg, der sich von den vielen Wegen, die Sie bisher schon miteinander zurückgelegt haben, unterscheidet. Es wird von nun an Ihr gemeinsamer Lebensweg sein von einzigartiger Qualität, der hinführt in eine neue und hoffnungsvolle Zukunft ungeahnter Möglichkeiten: es ist Ihr Weg zum Traualtar, vor dem Sie jetzt stehen und an dem Sie sich Ihr JA-Wort geben werden. Es ist aber auch für Sie beide ein einmaliger und unwiederholbarer Weg, an dem Sie nicht nur ein ganzes Leben lang denken sollen, sondern es ist auch ein Weg, auf dem es kein Zurück mehr geben wird. Denn das, was Sie sich hier und heute vor uns allen versprechen werden, ist eine unwiderrufliche Lebensentscheidung.

Menschliche Wege, das wissen Sie und das haben Sie in den vergangenen Jahren sicher erfahren, sind sehr unterschiedlich. Es sind Wege, auf denen wir uns begegnen und diese Begegnungen haben ganz unterschiedliche Wertmaßstäbe. Es gibt flüchtige Begegnungen, denen wir keine Bedeutung zumessen, es gibt aber auch Begegnungen, die für uns von Bedeutung sind, bei denen etwas passiert und von denen etwas abhängt. Menschliche Begegnungen sind aber nie wertfrei, das heißt, wir begegnen uns in Sympathien und in Antipathien oder es gibt Begegnungen, bei denen wir gar nichts empfingen. Und bei diesen Begegnungen spielen auch Orte und äußere Atmosphären eine Rolle und von denen kann unter Umständen auch der Begegnungswert abhängen.

Die Sprache der Liebe

Sie haben sich für diesen Ihren Traugottesdienst die Lesung aus dem neutestamentlichen Hohenlied der Liebe (1 Kor 12,31-13,8a) ausgesucht. Der Apostel Paulus beschreibt darin auf eine einzigartig wunderschöne Weise die Liebe. Er entwickelt in seinem Briefabschnitt an die Gemeinde in Korinth eine Sprache der Liebe. Ich habe bisher weder in der alten noch in der neuen Weltliteratur eine schönere und idealere Liebeserklärung gelesen als das eben Gehörte.

Wir Menschen heute, gerade unsere Generation, wir haben Möglichkeiten gehabt, Sprachen zu lernen und zu studieren, die uns mit Menschen aus anderen Ländern, Kontinenten und Kulturen in Kommunikation treten lassen. Aber verstehen sich die Menschen dabei besser?

Und in unserer eigenen Muttersprache reden und diskutieren wir miteinander, aber dennoch gibt es Meinungsverschiedenheiten, Streit, Hass und Missgunst: es ist oft mehr Gerede als Rede.

Kann uns da nicht der Apostel Paulus eine Mahnung und Hilfe sein, eine Sprache zu sprechen, die wir verstehen und die uns dann noch miteinander verbindet?

Eine Sprache verstehen alle Menschen ohne Fremdsprachenkenntnisse und ohne große Formulierungskünste: die Sprache der Güte, die Sprache der Liebe, die Sprache des Herzens!

Wenn Sie, liebes Brautpaar, in die Schule des Apostels Paulus gehen, dann bleibt sein Brief nicht im ersten christlichen Jahrhundert stehen, dann ist er damals für Sie beide, für Ihren heutigen Hochzeitstag geschrieben und damit höchst aktuell, zeit- und lebensnahe. Und das würde dann heißen: "Meine Liebe zu dir, N./N., ist langmütig und gütig, sie ereifert sich nicht, prahlt nicht und bläht sich nicht auf. Meine Liebe zu dir sucht nicht ihren Vorteil, ist nicht egoistisch und trägt dir das Böse nicht nach, sondern ist fähig und bereit, auch zu verzeihen und einen Neuanfang zu wagen.

Meine Liebe zu dir erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, meine Liebe zu dir hält allem stand, egal, was sich auf unserem künftigen gemeinsamen Lebensweg auch ereignen wird. Unsere Liebe zueinander hört niemals auf."

Die Sprache der Liebe lernen

Auch der Evangelist Johannes hat in dem gerade gehörten Evangelium (Joh 15,9-12) sehr anschaulich zum Ausdruck gebracht, wie die Liebe gelingen kann: nämlich in Gottes Liebe zu bleiben, sich an seinen Geboten und Weisungen zu orientieren. Dies will Gott nicht mit Druck oder um uns zusätzliche Lasten aufzuerlegen, sondern in einer Freiheit, in der sich beide Partner entfalten können; er will es zu unserer Freude, zur Fülle unseres menschlichen Lebens. Behalten Sie beide dieses Gottesgebot im Auge, vor allem in Ihren Herzen und nehmen Sie sein Angebot an: "Liebt einander, wie ich euch geliebt habe."

Vor allem: lernen Sie diese Sprache der Liebe miteinander und füreinander und sprechen Sie diese Sprache mit viel Phantasie und Kreativität einander zu. Dann werden Sie solche Lebenserfahrungen miteinander machen, die Sie auch über die Klippen und Stürme hinwegtragen, die sich Ihnen im Laufe Ihrer Ehe in den Weg stellen werden. Wenn Sie dann diese Sprache nicht verlernen in den kommenden Jahren und Jahrzehnten, Ihre Liebe aneinander verschenken, dann werden Sie es immer deutlicher erfahren und auch erspüren, dass Ihre Liebe und Treue, Ihre Achtung und Würde voreinander wachsen und reifen.

Das Wesentliche ist die Liebe

Bevor ich Ihnen noch eine kleine Geschichte mit auf Ihren Weg gebe, wünsche ich Ihnen von Herzen alles erdenklich Gute, all das, was Sie sich selber wünschen, was Sie an Träumen und Sehnsüchten in Ihren Herzen füreinander tragen; ich wünsche Ihnen viel Glück und Freude am Leben, an Ihrer kleinen Familie, vor allem aber die Gewissheit und die ständige Erfahrung, dass Gott mit Ihnen ist, dass er Sie auf Ihrem Lebens- und Liebesweg begleitet und Ihnen zur Seite steht.

Die Geschichte trägt die Überschrift: Das Wesentliche. Es heißt darin:

Ein altes Märchen erzählt, wie ein junger, wissbegieriger König die Gelehrten seines Landes beauftragte, für ihn alles Wissenswerte der Welt aufzuschreiben. Sie machten sich bald an die Arbeit. Nach vierzig Jahren legten sie das Ergebnis in tausend Bänden vor. Der König, der inzwischen schon sechzig Jahre als geworden war, sagte: "Tausend Bücher kann ich nicht mehr lesen. Kürzt alles auf das Wesentliche." Nach zehn Jahren hatten die Gelehrten den Inhalt der Geschichte der Menschheit in hundert Bänden zusammengefasst. Der König sagte: "Das ist noch zuviel. Ich bin schon siebzig Jahre alt. Schreibt nur das Wesentliche!"

Die Gelehrten machten sich erneut an die Arbeit und fassten das Wichtigste in einem einzigen Buch zusammen. Sie kamen damit, als der König schon im Sterben lag. Dieser wollte wenigstens noch das Wesentlichste aus der Arbeit der Gelehrten erfahren. Da fasste der Vorsitzende der Gelehrtenkommission das Wesentlichste der Geschichte der Menschheit in einem einzigen Satz zusammen: "Sie lebten, sie litten, sie starben. Und was zählt und überlebt ist die Liebe."

Klaus Leist